Zwei Kitas und ein neues Abfallgesetz

Karin Krebs und Paulo Vallejos Soto haben sich als Fachpersonen von COMUNDO in Cochabamba, Bolivien für die Rechte, Chancengleichheit und mehr gesellschaftliche Anerkennung für Frauen engagiert. Nach dreijährigem Einsatz sind sie nun nach Fribourg zurückgekehrt und berichten im Interview mit COMUNDO von ihren Erfahrungen.

Nach dreijährigem Einsatz mit COMUNDO zurück in der Schweiz: Karin Krebs und Paulo Vallejos Soto. Bild: Marcel Kaufmann / COMUNDO


COMUNDO: Was ist für euch persönlich das Wichtigste, was ihr bewirken konntet?
 
Karin Krebs: Die patriarchalen und machistisch geprägten Gesellschaftsstrukturen in Bolivien drängen viele Frauen in eine psychische und wirtschaftliche Abhängigkeit von männlichen Familienmitgliedern. Dadurch wird die Gefahr häuslicher Gewalterfahrungen gefördert. Die Nichtregierungsorganisation Ciudadanía, bei der ich mitgearbeitet habe, verfolgt das Ziel, Frauen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, sie politisch zu bilden und sie von ihren traditionellen Betreuungsaufgaben zu entlasten. Nur so kann Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern tatsächlich umgesetzt werden. Während meines Einsatzes ist es uns gelungen, zwei Kitas aufzubauen, die heute vom Staat finanziert werden. Dank diesen Entlastungsangeboten erhalten insgesamt 52 Frauen Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt. Vorher mussten sie ihre Kinder zur Arbeit auf die Felder und Strassen mitnehmen und sie bei Inspektionen verstecken, weil dies verboten war. Das war eine sehr gefährliche und belastende Situation.
Paulo Vallejos Soto: In Cochabamba sind hunderte von Frauen als Abfallsammler/innen tätig. Sie leben in extremer Armut und erfahren kulturelle und soziale Ausgrenzung. Ausserdem ist ihre Arbeit mit hohen Risiken verbunden. Dass ich durch meine Tätigkeit bei der Stiftung FUNDARE dazu beitragen konnte, dass diese Frauen für ihre Arbeit mehr gesellschaftliche Anerkennung erhalten, ist für mich ein wichtiger Erfolg. Ich habe intensiv an einem neuen Gesetz zur Abfallbewirtschaftung für die Stadt Cochabamba mitgearbeitet, das den Frauen eine rechtliche Basis für ihre Arbeit gibt. Ihre Rolle als Müllsammlerinnen ist jetzt gesetzlich verankert und ihre Tätigkeit wird in der Recyclingkette offiziell erwähnt.
 
 
Wie geht es mit euren Projekten weiter?
 
Karin Krebs: Damit es nicht bei zwei Kitas bleibt, erarbeitete ich in den letzten Wochen mit meinem Team ein einfaches Handbuch, welches andere Frauenorganisationen beim schrittweisen Aufbau einer eigenen Kindertagesstätte anleitet. Ich bin überzeugt, dass die Prozesse, die wir angestossen haben, eine Grundlage bilden, um die für Frauen benachteiligenden Gesellschaftsstrukturen und Werthaltungen zu ändern.
Paulo Vallejos Soto: Durch interinstitutionelle Zusammenarbeit mit privaten und öffentlichen Organisationen will die Stiftung FUNDARE ihren Aktionsradius weiter vergrössern. So wurde beispielswiese das Projekt der Müllsammlerinnen auf drei weitere Departemente ausgeweitet.
 
 
Was nehmt ihr aus der Zeit in Bolivien mit?
 
Paulo Vallejos Soto: Die Gewissheit, dass es für alles eine Lösung gibt. Kreativität und Flexibilität sind in Bolivien Schlüsseleigenschaften, so wie bei uns Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Weiter übte ich mich in Geduld, Geduld und Geduld... – bei der Arbeit innerhalb der Organisation, mit den Frauengruppen und im ganz normalen Alltag. Dies war für mich oft herausfordernd – ich bin wohl schon mehr Schweizer, als ich dachte (Paulo ist in Chile aufgewachsen).
Karin Krebs: Ich werde mich immer an die starken Bolivianerinnen erinnern, die ich kennen lernte. Als wahre Stehauf-Frauen finden sie in oft schwierigen Situationen von Gewalt, Unterdrückung, Misstrauen und sozialem Ausschluss jeden Tag die Kraft, weiter zu kämpfen und für ihre Rechte einzustehen. Das hat mich zutiefst beeindruckt. Es war schön zu beobachten, wie die Frauen ihr Selbstbewusstsein durch die Bildungsarbeit von Ciudadanía stärkten und sich im Beruf und in der Familie immer besser durchsetzen konnten.
 

Was hat euch dazu bewegt, diesen Einsatz zu machen?

Paulo Vallejos Soto: Wir haben stets interkulturelle Kontakte gesucht, sei dies auf unseren früheren gemeinsamen Reisen oder mit Menschen aus verschiedenen Nationen in der Schweiz. Dass wir jetzt als Familie für drei Jahre in Lateinamerika leben und uns in lokalen Projekten für mehr soziale Gerechtigkeit engagieren konnten, war für uns eine grosse Chance. Diese Zeit hat unsere Familie zusammengeschweisst und jeden einzelnen von uns stärker gemacht.
Karin Krebs: Die Projekte passten ausserdem sehr gut zu unserem beruflichen Hintergrund. Ich arbeitete vor dem Einsatz in einer Institution, welche Frauen in Notsituationen Obdach bietet und sie psychologisch begleitet. Paulo war in einer Recyclinganlage für Grüngut tätig. In Bolivien konnten wir unsere Erfahrungen in der alltäglichen Arbeit mit unseren Kollegen/-innen austauschen und erweitern.

Wir freuen uns, wenn Sie das Engagement von COMUNDO in Bolivien unterstützen möchten!