«Frieden entsteht in vielen kleinen Schritten»

COMUNDO engagiert sich in Kolumbien mit zwölf Fachpersonen für die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, friedliche Konfliktlösungen und soziale Gerechtigkeit. Mirjam Kalt ist Koordinatorin des Landesprogramms. Im Interview mit COMUNDO spricht sie über die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden in Kolumbien und zeigt auf, wie wichtig lokale Initiativen sind.

COMUNDO: Nach langen Verhandlungen haben sich die kolumbianische Regierung und die Guerilla FARC-EP auf einen Friedensvertrag geeinigt. Ist der über 50-jährige bewaffnete Konflikt damit beendet?
Mirjam Kalt: Nein, leider herrscht in Kolumbien nur wegen des Vertrags noch lange kein Frieden. Dazu braucht es auf der einen Seite soziale Gerechtigkeit und würdige Einkommensmöglichkeiten für alle Bevölkerungsgruppen. Auf der anderen Seite ist auch ein Abkommen mit der anderen grossen Guerillagruppe ELN nötig und dem Paramilitarismus muss unbedingt ein Riegel vorgeschoben werden. Seit der Unterzeichnung des Abkommens mit der FARC hat die Gewalt wieder zugenommen, da andere bewaffnete Gruppen Territorien der FARC übernommen haben. Diese terrorisieren die betroffene Landbevölkerung, rekrutieren Jugendliche und zwingen sie zu Straftaten. Konflikte eskalieren insbesondere wegen der Ausbeutung von Landressourcen sowie infolge von Bergbau und Drogenanbau, deren negative Auswirkungen die zivile Bevölkerung tragen muss.

In der Volksabstimmung vom Oktober 2016 wurde der Friedensvertrag abgelehnt. Wieso ist die Bevölkerung in Bezug auf das Friedensabkommen gespalten?
Die Bevölkerung ist nicht in Bezug auf den Frieden gespalten – alle wollen Frieden. Das Problem ist auch nicht der Friedensvertrag an sich, dieser wurde von der internationalen Gemeinschaft als umfassend und vorbildlich gewürdigt. Die knappe Ablehnung des Friedensvertrags kam vielmehr durch das politische Kräftereiben zwischen der Rechten und den übrigen Parteien, welche den Friedensprozess unterstützen, zustande. Das Friedensabkommen wurde nach der Volksabstimmung überarbeitet und im November letzten Jahres konnten sich die Regierung und die Guerilla FARC-EP auf einen neuen Vertrag einigen.

Stephan Nebel, Sozialpädagoge und Fachperson von COMUNDO, engagiert sich im Jugendzentrum der Diözese Quibdó im Nordwesten Kolumbiens. Welche Bedeutung haben lokale Initiativen wie dieses Jugendzentrum und was können sie zum Frieden beitragen?
Frieden beginnt nicht mit einem schriftlichen Abkommen. Frieden entsteht in kleinen Schritten durch einen Kulturwandel in der Gesellschaft. Dieser Wandel wird noch Generationen dauern. Die Arbeit mit der jungen Generation bietet sich an, ein friedliches Zusammenleben gemeinsam zu lernen. Es geht einerseits darum, die Jugendlichen mit alternativen Bildungs- und Freizeitangeboten von den bewaffneten Gruppierungen fernzuhalten. Andererseits üben Stephan Nebel und sein Team mit den jungen Frauen und Männern den respektvollen Umgang miteinander und die gewaltfreie Konfliktlösung.

Welchen Hintergrund bringen die Kinder und Jugendlichen mit, die ins Jugendhaus kommen? In was für einem Kontext wachsen sie auf?
Die Kinder und Jugendlichen leben mit ihren Familien – oft auch nur mit der Mutter oder Grossmutter – in den Armenvierteln der Departements-Hauptstadt Quibdó. Die meisten von ihnen sind Flüchtlinge des bewaffneten Konflikts, des Paramilitarismus oder von Vertreibungen infolge von Bergbau und Drogenanbau. Diese Viertel sind von Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt geprägt. Viele Jugendliche sind in den Drogenhandel involviert oder verdienen ihren Lebensunterhalt mit Diebstahl und Erpressungen.

Was unternimmt der Staat gegen die Gewalt und Perspektivenlosigkeit in der Region Chocó?
Leider nicht sehr viel. Erst kürzlich wurde Quibdó wieder von einem heftigen Zivilstreik durchgeschüttelt. Die Bevölkerung ging auf die Strasse, da die Regierung ihre Versprechungen in Bezug auf Investitionen in Gesundheitswesen, Infrastruktur, Bildung sowie Schutz vor Paramilitärs nicht eingehalten hatte. Nach Angaben des «Komitees für die Rettung und Würde des Chocó» wurden gerade mal fünf Prozent der Vereinbarungen erfüllt, die Delegierte des Komitees und der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos getroffen hatten.

Was verbinden Jugendliche in Kolumbien mit Frieden?
Am wichtigsten wären für junge Menschen Zukunftsperspektiven und Bildungsmöglichkeiten, zu denen alle Zugang haben. Für mehr soziale Gerechtigkeit bräuchte es zudem dringend eine Agrarreform, eine gerechtere Verteilung der Landgüter sowie eine konsequente Unterbindung von Korruption.


VERANSTALTUNG
Mirjam Kalt berichtet an der Abendveranstaltung «Für den Frieden von Morgen» vom Donnerstag, 14. September 2017 in Luzern gemeinsam mit Mathilde Defferrard, Programmverantwortliche von Kolumbien bei COMUNDO, Stephan Nebel, Fachperson von COMUNDO in Kolumbien, und Jonas Wresch, deutscher Fotograf, über lokale Initiativen der Friedensarbeit in Kolumbien.
Weitere Informationen sind im Flyer zu finden.