Interview: Im Einsatz für Jugendliche in Kenia

Eveline Wicki engagiert sich als Fachperson von COMUNDO in Kenia. Gemeinsam mit einer Partnerorganisation vor Ort unterstützt sie lokale Gemeinschaften im Kampf gegen HIV/AIDS und Armut. Im Interview berichtet die Betriebsökonomin aus Luzern, die demnächst für Öffentlichkeits- und Sensibilisierungsarbeit in die Schweiz reist, von ihren Erfahrungen.

«Der interkulturelle Austausch steht für mich im Zentrum», Eveline Wicki, Betriebsökonomin und Fachperson COMUNDO. Bild: Marcel Kaufmann, COMUNDO

Seit Anfang 2017 unterstützt du in Kenia unsere Partnerorganisation «Apostles of Jesus AIDS Ministries» (AJAM). Was sind deine Hauptaufgaben?
Eveline Wicki: AJAM verfolgt das Ziel, die gesundheitliche und ökonomische Situation von Kindern, Jugendlichen, Frauen sowie HIV-Betroffenen zu verbessern. Im Alltag befinde ich mich allerdings nicht im direkten Austausch mit diesen Menschen, sondern engagiere mich bei AJAM auf Managementebene, damit die Organisation ihre Effektivität mit meiner Unterstützung weiter erhöhen kann – COMUNDO möchte mit Personeller Entwicklungszusammenarbeit nachhaltige Wirkung erzielen, was besonders gut gelingt, wenn Fachpersonen in Schlüsselfunktionen eingesetzt werden.

Zu meinen wichtigsten Aufgaben gehört die Stärkung der Organisation im Bereich Monitoring und Evaluation, um dadurch das Berichtswesen zu verbessern, aber auch um Daten zu sammeln, welche das Management bei der Entscheidungsfindung unterstützen und für das Fundraising verwendet werden können. Ausserdem stärke ich lokale und internationale Partnerschaften und bilde AJAM-Mitarbeitende weiter.

Was ist für dich persönlich das Wichtigste, was du in deinem Einsatz bewirken kannst?
Im Zentrum steht für mich der interkulturelle Austausch, das gegenseitige Lernen voneinander.
Anfangs brauchte ich etwas Zeit, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und ihnen aufzuzeigen, dass ich Verständnis für ihre Herausforderungen aufbringe. Heute suchen wir gemeinsam nach Lösungen und bauen viele kleine Brücken, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und Perspektiven zu schaffen.

Was hat dich dazu bewegt, diesen Einsatz zu machen? Was gibt dir Motivation im Alltag?
Für mich war schon lange vor meinem Einsatz klar, dass ich mich in der Entwicklungszusammenarbeit engagieren möchte. Es reizte mich, in einem anderen Land zu leben und zu arbeiten und mich mit einer fremden Kultur auseinanderzusetzen. Deshalb habe ich nach der kaufmännischen Lehre Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Nonprofit-Management studiert. Ich finde es spannend, eine soziale und eine betriebswirtschaftliche Komponente miteinander zu verbinden. Motivation geben mir die vielen kleinen Erfolgserlebnisse, die wir bei AJAM gemeinsam erzielen. Die Herzlichkeit und Offenheit der lokalen Bevölkerung mir gegenüber berühren mich immer wieder und ich spüre, dass ich sehr viel von diesen Menschen lernen kann.

Demnächst kommst du in die Schweiz und wirkst am 28. August 2018 an einer Veranstaltung von COMUNDO zum Start der neuen Kampagne «Jugend braucht Zukunft» mit. Was sollten die Menschen hierzulande über die Realität der Jugendlichen in Kenia wissen? Welche Unterstützung brauchen diese?
Der Zugang zu Bildung ist für viele Jugendliche erschwert oder nicht möglich, da sie teuer ist. Für die Eltern hat sie auch oft keine Priorität, da die Kinder mithelfen müssen, den täglichen Lebensunterhalt zu sichern. Manche Eltern sind mit der Erziehung überfordert, haben keine Zeit oder Interesse für ihre Kinder und realisieren dadurch Probleme oder das Potential ihrer Kinder nicht. Mädchen sind besonders benachteiligt: Kulturelle Praktiken wie Beschneidung, frühe Heiraten und die patriarchalische Gesellschaft erschweren ihren Zugang zu Bildung zusätzlich.

Ein weiteres Problem sind Drogen- und übermässiger Alkoholkonsum. Jugendliche, die von Armut betroffen sind und auf dem Arbeitsmarkt keine Perspektiven haben, sind dafür besonders anfällig. Viele driften in die Kriminalität ab. Die Reintegration in die Gesellschaft gestaltet sich oft schwierig, da straffällig gewordene Jugendliche auf Verachtung und eine ablehnende Haltung stossen. Im Allgemeinen werden Jugendliche in ihren Anliegen wenig gefördert und fühlen sich oft nicht  wahrgenommen. Deshalb ist es wichtig, sie in ihrer Selbstbestimmung zu stärken, damit sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können.

Wie können wir junge Menschen in Kenia unterstützen?
Wir haben bei AJAM in Kiserian ein «Vocational Training Centre». Dort können sich junge Erwachsene sowohl Computer Skills als auch so genannte Life Skills aneignen. Beide Kursangebote sind wichtig, um später weiterführende Schulen besuchen und auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Wir unterstützen junge Menschen beispielsweise dabei, ein Konzept für ein eigenes kleines Unternehmen zu erarbeiten und persönliche Ideen und Ziele umzusetzen. Es geht aber auch darum, auf schwierige Situationen im Leben vorbereitet zu sein und konstruktiv mit Konflikten umzugehen. Darüber hinaus begleiten wir schutzbedürftige Kinder und Waisen und sorgen dafür, dass sie die Schule besuchen können.

Ein weiteres Tätigkeitsfeld ist unsere Sucht- und HIV-Präventionsarbeit in Slums und abgelegenen Massai-Dörfern. Wir versuchen Jugendlichen aufzuzeigen, wie sich eine Alkoholsucht oder HIV-Infektion auf ihr Leben und ihre Gesundheit auswirken kann und wie sie sich davor schützen können. Schliesslich setzt sich AJAM für die Rechte von Mädchen und jungen Frauen ein: Wir stärken sie in ihrer Selbstbestimmung und klären die Gesellschaft über die schlimmen körperlichen und psychischen Folgen von Genitalbeschneidungen und Zwangsverheiratungen auf.

Worauf freust du dich besonders, wenn du in die Schweiz kommst?
Es gibt vieles, das mir hier in Kenia manchmal fehlt: Meine Familie und Freunde zu treffen, ohne grosse Sicherheitsvorkehrungen Berge und Seen zu erkunden, das Velofahren, die saubere, frische Luft oder Raclette und Cervelats zu essen. Allerdings bleibt mir nicht viel Zeit. Nach einem guten Monat werde ich zurück nach Kiserian reisen.



«Jugend braucht Zukunft»: Auftaktveranstaltung am 28.8.2018 in Luzern
Zum Start der Kampagne «Jugend braucht Zukunft» lädt COMUNDO am Dienstag, 28. August 2018 zu einer Abendveranstaltung ins Neubad Luzern ein. Schwerpunkt ist Afrika, wo sich COMUNDO mit insgesamt 24 Fachpersonen für eine Verbesserung der Lebensumstände benachteiligter Bevölkerungsgruppen engagiert. Zwei von ihnen sind Eveline Wicki und Verena de la Rey. Sie berichten an der Veranstaltung aus ihren Projekten, mit denen Jugendliche in ihrer Selbstbestimmung gestärkt und für Strassenmädchen Möglichkeiten entwickelt werden, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Weitere Infos unter comundo.org/agenda

 

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